Barnett Newman

Der amerikanische Künstler Barnett Newman (1905-1970) gehört zu den wichtigen Vorreitern des abstrakten Expressionismus. Mit seinen Farbfeldern setzte er Standards in einem seinerzeit neuen Arbeitsfeld der Kunst. Doch hinter den simpel wirkenden Farbfeldern mit Newmans typischem Zip steckten philosophische Konzepte und Ideen, die die Kunst der damaligen Zeit bahnbrechend veränderten. Sie erweiterten das damalige Verständnis von Kunst und Malerei um weitere Aspekte. Es ging bei Barnett Newmanns Kunst um die Wirkung der Farbe, nicht die der Form. Es ging aber auch um dahinter stechende Mythen, Emotionen und Glaubenssätze, die sich auf Farbe und ihre Ausstrahlung beziehen.

Während Expressionisten in ihrer Kunst meistens gestische Spuren im Bild hinterließen, schlug Barnett Newman mit seiner Kunst einen anderen Weg ein. Wie alle Erneuerer mit eigener Richtung musste auch dieser Künstler zunächst Hohn und Missachtung hinnehmen, bevor er endlich zur Anerkennung auf breiter Ebene fand. In späten Jahren galt er unter Minimalisten und der zweiten Generation der amerikanischen Farbfeldmaler als Ikone. Er wechselte im Ansehen von einem verkannten Spinner ohne jedes Kunstverständnis zu einer Vaterfigur, die zwei Generationen von abstrakten Expressionisten beeinflusste.

Barnett Newman und seine Schlüsselideen

Barnett Newman zufolge hatte die Kunst seiner Zeit einen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen. Die Kunst, wie man sie bis dato gekannt hatte, benötigte seiner Ansicht nach spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Ausdrucksform. Er fand sie in dem zunehmenden Verzicht auf Gestisches und in der totalen Abstrahierung seiner Sujets. Sein Zip- ein reißverschlussähnlicher Strich inmitten einer Farbfläche – wurde zum Symbol für alles, was sich für den Betrachter beim Ansehen des Bildes an Emotionen ergeben sollte. In seiner Kunst wollte Newman die Welt neu erschaffen. Er sah Künstler als kreative Menschen an, die diese Aufgabe Tag für Tag übernehmen. Anno 1948 malte Barnett Newman das Farbfeld Onement. Dieses Bild sah der Künstler als einen Durchbruch in dem, was er malen wollte. Es gab auf der Leinwand nichts zu sehen als eine monochrome Farbfläche und einen Zip. Viele seiner nachfolgenden Bilder nahmen diese Grundidee in immer neuen Varianten auf. Barnett Newman sah den Zip aber nicht als Möglichkeit, die monochrome Farbfläche im Geiste mittels eines eingebauten Reißverschlusses zu öffnen, um Verborgenes zu entdecken. Vielmehr befand er, der kontrastfarbene Zip verbinde beide Bildseiten. Er ermögliche dem Betrachter, seine Emotionen loszulassen und das Bild und seine Farben näher zu erforschen.

Barnett Newmans Kindheit und Jugend

Der spätere Künstler Barnett Newman wurde als Kind polnisch-jüdischer Eltern im Jahre 1905 in New York geboren. Er wuchs in Manhattan und der Bronx auf und hatte mehrere Geschwister. Schon in seiner Highschool-Zeit begann Barnett Newman, sich für Kunst zu interessieren. Er war Teil einer Art Students League und belegte später Kunstklassen am City College of New York, wo er sich eigentlich für Philosophie als Hauptfach eingeschrieben hatte. In der Art Students League lernte der junge Künstler unter anderem Adolph Gottlieb kennen. Dieser brachte Barnett Newman mit wichtigen New York Künstlern und Galeriebesitzern zusammen. Nachdem Barnett graduiert hatte, arbeitete er zunächst einige Zeit in der Bekleidungsfabrik seines Vaters mit. 1929 kam es zum Crash des Börsenmarktes. Das väterliche Unternehmen ging daraufhin Konkurs. Barnett Newman schlug sich in den folgenden Jahren mehr oder weniger erfolgreich damit durch, Kunst zu unterrichten, obwohl er mehrfach durch das dafür qualifizierende Examen fiel. Er betätigte sich kurzzeitig als Bürgermeister-Kandidat und Magazin-Herausgeber. Nachdem Barnett 1936 geheiratet hatte, schien es vielen so, als hätte er jegliche künstlerische Betätigung aufgegeben. Dem war aber ganz und gar nicht so. Barnett Newman war lediglich auf der Suche. Er studierte derweil Naturgeschichte, Ornithologie und vorkolumbianische Kunst. Er schrieb Artikel für Museumskataloge, verfasste Kunstkritiken oder organisierte verschiedene Ausstellungen. Im Rahmen dieser Tätigkeiten fand er endlich seine Richtung und seinen künstlerischen Ausdruck.

Der Weg zum umstrittenen Farbfeldmaler

In diese Zeit (1944) fällt auch eine Freundschaft Barnett Newmans, die Folgen für seine eigene Karriere als Maler zeitigen sollte. Galeriebesitzerin Betty Parsons, für die er schon einige Ausstellungen organisiert hatte, vertrat nämlich kurz darauf den Farbfeldmaler Mark Rothko sowie die Künstler Jackson Pollock und Clyfford Still. Beide wurden enge Freunde des Malers. Kein Wunder, dass auch bei Barnett Newman die Malerei wieder mehr in den Vordergrund rückte. Der Künstler begann damals, seine alten Kunstwerke im figurativen Stil zu zerstören und sich zunächst dem Surrealismus zuzuwenden. Die Zerstörung eigener Kunstwerke, die für ihn keine Gültigkeit mehr hatten, behielt Newman zeitlebens bei. Bereits ab 1946 vertrat Betty Parsons Barnett Newman als Künstler in ihrer Galerie. 1948 gab es endlich einen Wendepunkt in seiner künstlerischen Karriere. Der berühmte Zip entstand. Er trat erstmals im Bild Onement von 1948 auf und wurde quasi ein Markenzeichen für Barnett Newman. Inwieweit die Arbeit in Vaters Bekleidungsfabrik zu dieser Idee und ihrer Bezeichnung als Reißverschluss – englisch Zip – geführt hatte, konnte nie geklärt werden.

Damit war die figurative Malerei endgültig Geschichte für Barnett Newman. Seine neuen Bilder – ausschließlich monochrome Farbfelder – wurden erstmals 1950 in Betty Parsons Galerie gezeigt. Doch die Zuschauerresonanz fiel unerwartet negativ aus. Er musste hinnehmen, dass man seine Bilder zerschnitt, dass man sie in negativen Kritiken vernichtend kritisierte oder gar mit Kot beschmierte. Newman entschied sich daraufhin, vorerst nicht mehr auszustellen. Er befasste sich eine Zeit lang weitgehend mit dem Schreiben zu künstlerischen Themen. Zu Bildverkäufen kam es in dieser Phase kaum. Doch mit der Zeit wandelte sich das Publikumsinteresse. Doch erst in den frühen Sechzigern begann seine Kritiker, mildere Töne gegenüber diesem Künstler anzuschlagen.

Späteres Leben: Barnett Newman wird zur künstlerischen Vaterfigur

Als sich das Blatt wendete, erhielt Barnett Newman endlich die Anerkennung als Künstler, die sein Werk bis heute genießt. Er galt bald als wichtiger Künstler innerhalb des abstrakten Expressionismus. Newman erweiterte seinen Horizont durch Lithografien und abstrakte Skulpturen. Seine Kunst war nun in diversen Ausstellungen des abstrakten Expressionismus vertreten. Trotz des wachsenden Erfolges blieben seine Arbeiten jedoch in der Kritik. Barnett Newman musste sich als Künstler immer wieder erklären und Missverständnisse ausräumen. Manchmal war er so entnervt, dass er wichtige Ausstellungen, bei denen ihm eine Teilnahme angeboten wurde, absagte. Die erste Soloausstellung im Guggenheim Museum anno 1966 brachte Barnett Newman einen weiteren Schub an Anerkennung. Auch wenn das seine Kritiker nicht verstummen ließ, arbeitete der Künstler nun konzentriert an seinem Werk. Einige seiner wichtigsten Arbeiten entstanden zwischen 1968 und 1970 – das Jahr, in dem eine Herzattacke jäh das Leben dieses umstrittenen Künstlers beendete. Mit Arbeiten wie Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue oder der Monumentalskulptur Broken Obelisk hatte er sich zu diesem Zeitpunkt jedoch schon seinen Platz in der Geschichte der Kunst gesichert.

Barnett Newman und der Nachruhm

Heutzutage betrachtet man Barnett Newman als innovativen Künstler, der dem abstrakten Expressionismus wichtige Impulse vermittelte. Er gilt als ein Vorreiter des Minimalismus. Er selbst sah sich nie als Teil einer künstlerischen Bewegung und auch nicht als Gegenpol zu einer künstlerischen Position seiner Zeit. Barnett Newman ging es immer um die Begegnung zwischen dem Betrachter und dem Bild, um eine persönliche Interaktion. Barnett Newman wurde aber nicht nur wegen seiner Bilder zur Vaterfigur zweier Künstler-Generationen. Auch seine frühen Artikel und Essays gelten heute als bedeutungsvoller Beitrag zur Kunst. So sehr Newman sich in seinen Artikeln mit Philosophie, Farbwirkungen und Kunstthemen befasste, so wenig interessierte ihn planvolles Herangehen an ein Bild. Er malte intuitiv. Man sieht Barnett Newman deswegen heute als einen Romantiker an. Ihm hing es beim Malen um den Ausdruck seiner authentischen Emotionen – und Emotionen wollte Barnett Newman auch bei seinem Publikum wecken. Das zentrale Moment beim Malen war das emotionelle Thema für ihn. Es war jedenfalls nicht das, was die Kritiker oder gewisse Gesetze der damaligen Kunst ihm diktieren wollten – oder das, was eine bestimmte Schule der Malerei damals als richtig befand. Barnett Newman verstand ein Gemälde als emotionelle Momentaufnahe, ja sogar als Anti-Anekdote, wie er 1962 einmal im Magazin Art in America sagte. Für ihn verbat sich jede Diskussion über eines seiner Bilder. Was auch immer er sich beim Malen gedacht habe, sei nicht so relevant wie das, was ein Betrachter seiner Kunst dabei fühle.

Barnett Newman gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter des abstrakten Expressionismus und der amerikanischen Farbfeldmalerei. Dabei wird er der Hard-Edge-Sparte der Color Field-Painter zugerechnet. Das ist zwar nicht ganz korrekt, aber auch nicht falsch. Barnett Newmans Bilder waren nicht streng geometrisch. Auch die Zips bildeten bewusst keine exakt geraden Linien. Dennoch erscheint es als passend, ihn eher dieser Stilrichtung zuzuordnen als der poetischen Richtung der Farbfeldmalerei. Im Grunde schwebt Barnett Newmann mit diversen Arbeiten genau zwischen diesen beiden Polen. Das Gros seiner Arbeiten, die ab 1948 entstanden sind, verdient aber durchaus einen Platz in der Hard Edge-Ecke. Seine theoretischen Schriften haben die Kunst sehr beeinflusst. Barnett Newman wird als mitverantwortlich für die konzeptionelle Ausrichtung der Minimal Art und der Hard-Edge-Malerei angesehen. Auch in Europa hat Barnett Newman als Teilnehmer zweier Documenta-Ausstellungen seine Spuren hinterlassen. Er unternahm diverse Reisen in Europa und ließ sich auch hier von der Kunst dieser Zeit beeinflussen.

Ann Temkin, Kuratorin Museum of Moder Art in New York spricht über Barnett Newman, das Video ist in Englischer Sprache.

Who’s afraid of Red, Yellow and Blue?

Interessant ist, dass auch in neuerer Zeit noch starke emotionelle Reaktionen auf Bilder von Barnett Newman verzeichnet wurden. So schlug beispielsweise anno 1982 ein Besucher der Berliner Neuen Nationalgalerie auf Newmans Farbfeld Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue ein. Die Boulevardpresse sah es sogar als Werk eines Anstreicherlehrlings. Man verweigerte nicht nur diesem berühmten Farbfeld von Barnett Newman jegliche Anerkennung. Der Berliner Museumsdirektor erhielt laut der Wikipedia seinerzeit Morddrohungen, weil er dieses Machwerk als hohe Kunst im Museum ausstellte. 1986 fühlte sich ein erregter Betrachter bemüßigt, Barnett Newmans Werk Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue III zu zerschneiden. Die Restaurierung kostete angeblich dreihundert- bis vierhunderttausend US-Dollar. Derselbe Mann attackierte aufgrund einer psychischen Störung Barnett Newmans Bild Cathedra, das im Stedelijk Museum von Amsterdam hing, mit einem Messer. Augenscheinlich besitzen die monochromen Farbflächen mit dem Zip tatsächlich etwas, was die Emotionen berührt.

Die vier Varianten von Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue hängen heute in verschiedenen Museen. Berlin hat die vierte Variation erworben. Das Bild hatte unter anderem Einfluss auf die Musik des irischen Komponisten Ian Wilson, der sein Konzert für Altsaxofon und Orchester mit diesem Titel versah. Regisseur Heiko Schier nahm Newmans Bild als Titel-Aufhänger für einen Film über die Berliner Kunstszene. 2006 installierte Robert Irwin unter diesem Titel eines seiner Werke in einer New Yorker Galerie. 2010 gab es in der Pariser Galerie Maison Rouge eine Ausstellung über Neonkunst, die ebenfalls nach dem Bild von Barnett Newman benannt wurde. Ob dem so geehrten Künstler das alles behagt hätte, wissen wir nicht. Vielleicht hätte es ihn amüsiert, was für starke Emotionen er mit seinen angeblich so banalen Farbfeldern ausgelöst hat.

Quellen:

Rachel Gershman, The Art Story
Wikipedia: Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue

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