Der provokante und exzentrische Maler George Grosz wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin geboren. Durch die Motivation seines Cousins begann er bereits in frühen Jahren mit wöchentlichem Zeichenunterricht und entwickelte sein handwerkliches Können durch den Besuch verschiedener Akademien und Schulen. Hauptthema seiner Arbeiten war schon zu Beginn seines Schaffens die bürgerliche Gesellschaft der Weimarer Republik. Ihr charakteristisches Spießertum und dazu der staatliche Militarismus waren das Fundament einer Arbeit, die sich vor allem durch Karikaturen und in Fotomontagen, Collagen und satirischen Zeichnungen ausdrückte, aber auch klassische Techniken wie die Ölmalerei nutzte. Seine Werke zeichneten sich vor allem durch den Anteil von politischer Agitation und provokanten Darstellungen aus und werden daher üblicherweise der Neuen Sachlichkeit zugeordnet.

Einflüsse auf sein Schaffen waren vor allem der Erste Weltkrieg, die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in der Zeit davor und danach und die Impulse der Dada-Szene in Berlin, als dessen Mitbegründer er neben John Heartfield und Wieland Herzfelde fungierte. Kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 verließ George Grosz Deutschland und emigrierte in die Vereinigten Staaten, kehrte aber Jahre nach Kriegsende nach Berlin zurück, wo er an den Folgen seiner Alkoholsucht verstarb.

Künstlerisches Schaffen

Die Arbeiten von George Grosz lassen sich aufgrund der persönlichen Biografie in das Ergebnis zweier Lebensabschnitte einteilen. Die Zeit vor der Emigration war vor allem durch seine Erfahrungen beim Militär geprägt; die negativen Erlebnisse und die Entwicklung der Gesellschaft in der Weimarer Republik beeinflussten sein Schaffen maßgeblich. Werke aus dieser Zeit sind durch psychologische Schärfe in Verbindung mit handwerklicher Genauigkeit geprägt. Exemplarisch kann hier das Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ von 1926 angeführt werden. Das Bild verdeutlicht, welche Instanzen die Gesellschaft zu stützen scheinen – Kirche, Kapitalismus und Militär und stellt diese durch überdeutliche Symbolfiguren dar. Das Bild wirkt emotionslos, eintönig und wenig empathisch – und zeichnet sich daneben durch große Detailtreue und Präzision aus. Diese für die Neue Sachlichkeit charakteristische Darstellung beabsichtigt, den Betrachter zu desillusionieren. Er soll nüchtern in die Lage versetzt werden, die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Mitte der zwanziger Jahre zu beurteilen und die vorherrschenden kulturellen und technischen Werte kritisch zu betrachten. Emotionslosigkeit ist dabei unabdingbare Voraussetzung, denn jede Emotion gilt als Ausdruck von Unsachlichkeit. Reduktion ist herrschendes Prinzip, sodass die Werke der Neuen Sachlichkeit vor allem sehr technisch, aber auch sehr statisch wirken.

Ein weiteres wichtiges Werk aus dieser Zeit ist das Sammelwerk „Ecce Homo“ von 1922. Grosz zeigt in dieser Mappe in großer Deutlichkeit die Zustände der Weimarer Republik und schreckt dabei auch nicht vor Hurenportraits und anderen ordinären Darstellungen zurück. Das Resultat war die Beschlagnahmung der Arbeiten sowie ein Prozess wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften. Wie bei allen anderen Prozessen tat auch hier die Verurteilung der Popularität und dem Ansehen von George Grosz keinen Abbruch. Die angebliche Verletzung von Schamgefühlen wurde zwar gerichtlich sanktioniert – dem Schaffen von Grosz konnte sie jedoch keine Steine in den Weg legen.

Im direkten Gegensatz dazu lassen sich die späten Werke von George Grosz einordnen. Nach der Emigration in die Vereinigten Staaten fiel vor allem die Triebfeder einer entmenschlichten Gesellschaft weg, die die frühen Werke in ihrer satirischen Schärfe förderte. Die schon als Kind vorhandene Faszination für die Neue Welt sorgt für eine Abkehr von den Karikaturen, den politischen Aussagen und von den Polemisierungen. Seine Werke waren nunmehr von harmonischer Bildkomposition geprägt und zeigen dabei deutlich seine handwerkliche Perfektion. Aquarelle aus dieser Zeit zeichnen sich durch große Detailfreude und Zartheit aus und wollen nicht mehr sein, als Zeitzeugen eines Augenblicks oder einer Situation.

Dennoch prägte er durch seine Werke wesentlich das kulturelle und historische Bild der Weimarer Republik und sein Name stand auch weiter stellvertretend für die Kunst der Neuen Sachlichkeit.

George Grosz Kunst wird der neuen Sachlichkeit zugeordnet. /// Bild: Richard Nagy Ltd Gallery, London
George Grosz Kunst wird der neuen Sachlichkeit zugeordnet. /// Bild: Richard Nagy Ltd Gallery, London

Biografie von George Grosz

George Grosz wurde als Georg Ehrenfried Groß am 26. Juli 1893 als Sohn eines Gastwirtes in Berlin geboren. Der Vater verstarb früh und die Mutter wechselte mit dem noch kleinen Jungen zwischen den Wohnorten Berlin und Stolp im damals deutschen Pommern. Schon früh fand er Interesse an Gruselgeschichten und Comics; besonders prägend waren aber laut eigener Aussage die bildlichen Darstellungen von exzessiver Gewalt und Brutalität. Auf Drängen eines Cousins begann er, an wöchentlichen Malstunden teilzunehmen. Daneben war er bemüht, seine Fähigkeiten durch das akribische Abzeichnen der Werke anderer Künstler wie Eduard von Grützner zu schulen.

Zwar konzentrierte sich sein frühes künstlerisches Schaffen vor allem auf die Darstellung von Brutalität; gleichzeitig verabscheute Grosz aber tatsächlich angewandte körperliche Gewalt. Diese lernte er hauptsächlich durch seine Lehrer an der von ihm besuchten Oberrealschule kennen – hier wurde er zwar durch seinen Kunstlehrer gefördert, aber der übliche Zwang und die körperlichen Strafen an der Schule blieben bei Grosz nicht folgenlos. Als er sich mit einer Ohrfeige zur Wehr setzte, wurde sein Verhalten durch einen Schulverweis sanktioniert. An die Oberrealschule schloss sich der Besuch der Königlich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Dresden an, von dem sich vor allem die Begegnung mit Otto Dix im Gedächtnis des jungen Künstlers hielt. Dem Diplomabschluss folgte ab 1912 ein durch ein Stipendium gefördertes Studium an der Berliner Kunstgewerbeschule. Berlin galt damals als Nabel der europäischen Kunstszene und bot George Grosz daher ein großes Angebot an fortschrittlicher Kunst und Kultur. Grosz nutzte diese Angebote, beschränkte sich dabei aber nicht nur auf die bildlichen Darstellungen und den Besuch von Ausstellungen, sondern nutzte auch eher untypische Orte wie die Vergnügungsviertel der Berliner Boheme. Ebenfalls in diese Zeit fallen seine ersten Reisen nach Paris und erste Unterrichtsstunden im Aktzeichnen. George Grosz literarisches Interesse korrespondierte mit dem seiner frühen Zeichnungen: Auch hier standen Werke im Vordergrund, die sich mit Dämonen und übersinnlichen Phänomenen beschäftigten.

Im Ersten Weltkrieg meldete sich George Grosz pflichtbewusst als Freiwilliger – in der Hoffnung, so dem Dienst an der Front zu entgehen. Relativ zügig wurde er jedoch als untauglich ausgemustert. In Erinnerung blieben dem jungen Künstler nur Läuse, Schmutz, Krankheit und Verstümmelung. In dieser Atmosphäre wurde der Nährboden für einen neuen George Grosz gelegt; ein Mann, dessen spätere Werke sich durch Ablehnung und Abscheu auszeichneten, der sich zum Bürgerschreck und Anti-Spießer entwickelte und jegliches Angepasstsein an die Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft verteufelte.

Die nächsten Jahre wurden die großen Jahre des George Grosz. Hier gelang es ihm, sein großes Engagement in Bild und Wort umzusetzen. Als konsequenter Kriegsgegner änderte er 1916 seinen Namen in George Grosz und symbolisierte mit der Ablehnung des „Deutschseins“ seine Verachtung für den Patriotismus und der ganzen Gesellschaft. Ein weiterer Dienst beim Militär war erneut nur von kurzer Dauer, bevor Grosz nach kurzem Aufenthalt in der Psychiatrie als endgültig untauglich entlassen wurde. Die Rückkehr in die Heimatstadt dokumentiert eins seiner frühen Hauptwerke, in dem er die Stadt als chaotischen Moloch darstellt, in dem Menschen ohne Ziel und Zweck umherirren.

Parallel zum europäischen Dadaismus, der während des Ersten Weltkrieges von Paris aus seinen Lauf machte, veranstaltete Grosz zusammen mit Richard Huelsenbeck bereits 1917 erste Dada-Abende und führt die Berliner Dada-Szene 1920 zur Ersten Internationalen Dada-Messe. Grosz entwickelte sein Schaffen nun verstärkt in Richtung politischer Agitation und Provokation mit gesellschaftskritischer Intention und nutzte dabei vielfältige Techniken, Ausdrucksformen und Plattformen. Mit seinen Werken begleitete er mit zynischem Unterton die deutsche Kriegsniederlage, die Novemberrevolution, die Spartakistenkämpfe und auch die Inflation. Folge waren zahlreiche Anzeigen und Prozesse, die sogar Land- und Reichstagssitzungen beschäftigten. Trotz allem blieb George Grosz ein Bürgerschreck ohne Beispiel, der sich der breiten Solidarität in der Kunst- und Intellektuellenszene sicher war.

Ein Lehrauftrag in New York veranlasste ihn wenige Tage vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zur finalen Emigration. Er war die erste öffentliche Person, die während der Hitlerdiktatur ausgebürgert wurde; seine Werke wurden als „entartete Kunst“ verkannt und entweder zerstört oder zu Spottpreisen verkauft.

Der Umzug in die Vereinigten Staaten stellt nicht nur eine räumliche Zäsur im Leben von Grosz dar; vielmehr bewirkte er auch eine Zäsur im künstlerischen Schaffen. Aus dem ätzenden, überkritischen Agitator wurde in den USA ein Maler mit dekorativem und harmonischem Schwerpunkt. Der neue Lebensabschnitt bewirkte eine Abkehr vom frühen Schaffen, führte aber auch zu innerer Zerrissenheit: Depressionen und eine begleitende Abhängigkeit von Alkohol kennzeichneten seinen Lebensabend. Trotz der in Folge seiner langjährigen Tätigkeit erworbenen amerikanischen Staatsangehörigkeit kehrte er ein letztes Mal nach Berlin zurück, wo er bereits wenige Wochen später an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit verstarb.

George Grosz und der Dadaismus

In die Frühzeit seiner Schaffensperiode fällt die Entstehung des europäischen Dadaismus. Dieser lehnte konventionelle Kunst- und Kunstformen ab und stellte damit die gesamte bisherige Kunst infrage. Satirische Überspitzung oder zum Teil reine Unsinnsansammlungen waren im Dadaismus legitimes Mittel der Darstellung und Abbildung. George Grosz sorgte zusammen mit seinem Freund John Heartfield für die Berliner Variante des Dada. Ein dadaistisches Manifest proklamierte die Überzeugung und den Willen der Bewegung und rief Dada auch für Berlin aus. Die zum Teil extremen Aktionen der Dada-Anhänger fanden aber auch publikumswirksame Höhepunkte wie zum Beispiel die Erste Internationale Dada-Messe 1920. Hier trafen sich Dadaisten der verschiedensten Richtungen in pluralistischem Nebeneinander und vereinten sich in ihrer Ablehnung jeder Autorität und vor allem im Hass auf jedes bürgerliche Spießertum. Gerade im Bereich der darstellenden Kunst waren neue Techniken wie die Collage von Fotos typisch für das Schaffen der dem Dadaismus verschriebenen Künstler. Hier wurden bisher bestehende Tabus gebrochen und so auch der Weg für den sich später entwickelnden Surrealismus geebnet. Gegen Ende der zwanziger Jahre ebbte das Interesse an Dada ab und George Grosz emigrierte wenig später kurz vor dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in die Vereinigten Staaten.

Titelbild: Die Geschwindigkeit der Strasse von George Grosz entstand im Jahr 1918. Öl auf Leinwand, 63.8 x 78.2 cm. /// Bild: Richard Nagy Ltd. Gallery, Lodnon

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