Das Kunstmuseum Thurgau präsentiert im ungewöhnlichen Ambiente einer ehemaligen Klosteranlage, der Kartause Ittingen, eine kleine, aber sehr erlesene Sammlung naiver Kunst und Gegenwartskunst. Inmitten historisch aufgeladener Räumlichkeiten wie den ehemaligen Mönchszellen oder dem Weinkeller, eingebettet in die idyllische Landschaft des Thurtals, stehen die präsentierten Kunstwerke und Installationen hier in einem besonderen Spannungsfeld, das eine außerordentliche Strahlkraft und Intensität vermittelt. Die Kombination aus Hauptwerken naiver Kunst von beispielsweise Adolf Dietrich, Camille Bombois, André Bauchant, Louis Vivin oder Erich Boedecker, Kunstwerken der sogenannten Art brut von Aussenseitern wie Jakob Greuter, Josef Wittlich oder Theo sowie Installationen und Kunstwerken solch bedeutender Gegenwartskünstler wie Marina Abramovic, Janet Cardiff oder Joëlle Allet machen aus der überschaubaren Sammlung des Kunstmuseums Thurgau ein Kleinod besonderer Güte.

Naive Kunst im Kunstmuseum Thurgau

Wie die Namensgebung bereits vermuten lässt, werden unter dem Schlagwort „Naive Kunst“ Werke künstlerischer Autodidakten, die keine akademische Kunstausbildung erfahren haben, versammelt. Kennzeichnend für diese Kunstform sind daher oftmals ungewöhnliche „fehlerhafte“ Perspektiven, Lichtquellen, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen, andersartige Maltechniken sowie unorthodoxe Methoden des Farbauftrags und der verwendeten Materialien. Wurde die Naive Kunst in ihren Anfangsjahren Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst noch belächelt, erfuhr sie in den Folgejahren unter anderem in der Rezeption durch Le Corbusier (1887 – 1965), einen der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, eine entscheidende Aufwertung. Diesem Umstand trägt auch die Sammlung des Kunstmuseums Thurgau Rechnung in der Auswahl und Präsentation herausragender Werke dieser Kunstrichtung. „Schlacht bei den Thermopylen“ von André Bauchant (1873 – 1958) 1926 gemalt zeigt eindrucksvoll, auf welche Art und Weise die Naive Kunst befruchtend und inspirierend für die Künstler ihrer jeweiligen Zeit wirkte. Das Historiengemälde bildet den legendären Kampf der antiken Griechen gegen die vorrückenden Perser an den Thermopylen ab. Vor dem strahlend blauen Himmel, der den oberen Teil des Gemäldes einnimmt, erhebt sich an der Küste ein zerklüftetes Karstgebirge, das viel Raum im Bild einnimmt und die eigentliche Schlachtenszene im Vordergrund dadurch extrem komprimiert. Die mit großem Detailreichtum gemalten Soldaten, die am unteren Bildrand ins Bild drängen und sich dabei jeder Perspektive verweigern, wirken wie in der Bewegung eingefroren. Somit erscheint das Gemälde durch die mangelnde Perspektive sowohl dreigeteilt als auch auf einer unwirklichen Ebene als unwillkürlich zusammengefügte Einheit. Genau darin bestand und besteht die Faszination dieses Werkes, das sich der akademisch gelehrten Illusion von Fläche und Raum entzieht und in seiner ungekünstelten, naiven Landschaftsdarstellung zugleich zum Vorbild und Impulsgeber surrealer Malerei wird.

Adolf Dietrich und die Neue Sachlichkeit

Der Ursprung des Sammlungsschwerpunkts Naive Kunst im Kunstmuseum Thurgau ist in dem Nachlass des Schweizer Malers Adolf Dietrich (1877 – 1957) begründet. Dietrich entzieht sich in seiner Kunst einer eindeutigen Zuordnung und wird sowohl als einer der Hauptvertreter der Naiven Kunst gesehen als auch in der Neuen Sachlichkeit verortet. Mit der Neuen Sachlichkeit setzte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine Abkehr vom Surrealen und Fantastischen der Avantgarde der Klassischen Moderne ein. Gleichzeitig bedeutete dies auch eine Konzentration auf die nüchterne Darstellung von Alltagsgegenständen und eine klare, eindeutige Bildsprache. Die Werke Dietrichs, die in der Ausstellung des Kunstmuseums gezeigt werden, entsprechen gänzlich diesem Duktus und spiegeln sowohl die Grundzüge Naiver Malerei wie mangelnde Perspektive als auch wesentliche Elemente der Neuen Sachlichkeit wie einfache, leicht verständliche und dennoch ausdrucksstarke Bildkompositionen wider. Eines der Hauptwerke Dietrichs aus seinen letzten Lebensjahren ist das Porträt eines Sennenhundes „Balbo auf der Wiese liegend“ von 1957. Das Auge des Betrachters richtet sich automatisch auf den Hund, der beinahe den gesamten Bildraum einnimmt. Die Landschaft, vor der er sich aufhält, tritt auch inhaltlich in den Hintergrund. Sie dient lediglich als schmückendes Beiwerk und Hilfsmittel zur Verortung des Porträts. Im Mittelpunkt steht Balbo, wodurch das Bild einen Eindruck von der Wertschätzung, die Balbos Besitzer für ihn hegte, vermittelt. Das kleine Gemälde „Ochsenfuhre“ von 1918, ein Frühwerk Dietrichs, besticht ebenfalls durch seine klare Bildstruktur und die damit einhergehende Wirkkraft. Dietrichs Gemälde wirken auf den Betrachter gerade in ihrer Naivität authentisch und schaffen es dadurch auch, trotz aller Sachlichkeit, einen emotionalen Bezug zu den dargestellten Bildinhalten herstellen zu können.

Gegenwartskunst in klösterlicher Atmosphäre

Die einzigartigen Räumlichkeiten des Kunstmuseums erlauben es, einmalig interessante und herausfordernde Begegnungen mit Gegenwartskunst zu erleben. In der mönchisch zurückhaltenden und zweckdienlichen Architektur der Klausurzellen, der Bibliothek oder des Weinkellers erfahren die Installationen von Marina Abramovic, Jenny Holzer, Joseph Kosuth oder Zilla Leutenegger eine besondere Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Eine verstummte Bibliothek“ von Joseph Kosuth 1999 gestaltet provoziert die Betrachter: Obwohl im Zeitalter des Internets Informationen und Wissen vermeintlich immer weiterverbreitet sind, können die gravierten Schieferplatten in der ehemaligen Klosterbibliothek von den wenigsten Besuchern vollständig entziffert und verstanden werden. Es handelt sich bei ihnen um das Faksimile des Inhaltsverzeichnisses des klösterlichen Bibliothekskatalogs von 1717. Indem die Besucher damit konfrontiert werden, dass sie beim Abschreiten des Raumes nicht in der Lage sind, die Handschrift sofort zu lesen und zu verstehen, wird ihnen verdeutlicht, dass Verstehen und Wissen sich einem schnellen Zugriff entziehen und nur innerhalb ihres jeweiligen historischen Kontextes wirklich nachvollzogen werden können.

Von den Ursprüngen bis heute

Ursprünglich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Sammlung des Kantons Thurgau angedacht, beschränkte sich die Sammeltätigkeit des Museums zunächst stark auf regionale Künstler unabhängig vom künstlerischen Wert des angekauften Gemälde. Nur langsam zeichnete sich eine gezielte Sammeltätigkeit ab, die allerdings erst in den 1980er Jahren über die reine Konzentration auf die Region Thurgau hinausreichte. In diese Zeit fällt auch die endgültige Ansiedlung des Kunstmuseums in Teilen des ehemaligen Kartause Ittingen. Der Nachlass Adolf Dietrichs, der 1994 an das Museum überging, sorgte dafür, dass sich ein erster thematischer Schwerpunkt rund um die internationale Naive Kunst herausbildete. Kurz darauf sorgte ein weiterer Nachlass des Züricher Originals Hans Krüsi dafür, dass sich im Kunstmuseum Thurgau mit der Art brut ein weiterer thematischer Sammel- und Ausstellungsschwerpunkt herauskristallisierte. Das besondere Umfeld des Museums erlaubt immer wieder spannungsgeladene Installationen und Konfrontationen mit Gegenwartskunst, sodass sich hierin ein weiterer Themenschwerpunkt erkennen lässt. Das Kunstmuseum Thurgau erweist sich somit trotz seiner relativ kleinen und überschaubaren Sammlung als Magnet für die Auseinandersetzung mit den Rand- und Begleiterscheinungen herkömmlicher Kunst sowie mit den interessantesten Strömungen der Gegenwartskunst. Die einmalige Atmosphäre in den ehemaligen Klosterräumen trägt dazu bei, dass sich der Besucher auf eine vielschichtige Zeitreise begeben kann und neue Erfahrungen im intensiven Kontakt mit der ausgestellten Kunst sammeln kann.

Informationen zum Kunstmuseum Thurgau

Sommer Öffnungszeiten vom 1. Mai bis 30. September:
Täglich: 11.00 - 18.00 Uhr

Winter Öffnungszeiten vom 1. Oktober bis 30. April:
Montag bis Freitag: 14:00 - 17:00 Uhr
Samstag und Sonntag: 11:00 - 17:00 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene: 10.00 CHF 
Ermässigt: 7.00 CHF
Besichtigung der Kosterkirche: CHF 5
Kinder bis 16 Jahre: Kostenlos

Adresse:
Kunstmuseum Thurgau
Kartause Ittingen
8532 Warth TG
Telefon: +41 (0)58 345 10 60
E-Mail: kunstmuseum@tg.ch
Webseite: www.kunstmuseum.ch

Titelbild: Zeit den Künstler Michael Golz (Bildmitte) zusammen mit dem Museumsdirektor Markus Landert, der Kuratorin Christiane Jeckelmann und Therese Schafstall. Bis Ende Oktober 2016 ist die Ausstellung Michael Golz. Reise ins Athosland im Kunstmuseum Thurgau zu sehen. /// Foto: Kunstmuseum Thurgau, Mirjam Wanner

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