„Eines der schönsten Museen im deutschsprachigen Raum, das ich in meinem Leben erlebt habe, wenn nicht sogar das schönste Museum überhaupt für Werke der klassischen Moderne und der Gegenwart“, schwärmte der Hamburger Kunstkenner Konrad von Mirbach im Januar 2015 nach einem Besuch der Gustave-Courbet-Sonderausstellung im Riehener Kunstmuseum Fondation Beyeler. So wie Konrad von Mirbach sind jährlich etwa 350.000 Besucher begeistert von Konzeption und Umsetzung der Vision, eine hochklassige Privatsammlung der breiten Öffentlichkeit in einem optimalen Ambiente als Dauerausstellung zugänglich zu machen und sie laufend durch spannende Sonderausstellungen zu ergänzen. Das seit 1997 in dem Schweizer 20.000-Einwohner-Städtchen Riehen in unmittelbarer Nähe zu Basel sowie zum deutschen Grenzort Lörrach seine Tore öffnende Museum begrüßt seine Gäste 365 Tage im Jahr. Hinter dem Erfolg des sich in einem, von Architekt Renzo Piano der sanften Auenlandschaft von Riehen kongenial angepassten Gebäudekomplex präsentierenden Museums steckt die lebenslange Leidenschaft des Galeristen-Ehepaares Hildy und Ernst Beyeler. Zu den von Ernst Beyeler mit Unterstützung seiner Frau in einem halben Jahrhundert gesammelten Kunstschätzen, die 1982 in die Stiftung Fondation Beyeler überführt worden sind, gehören Werke, deren Schöpfer zu den bedeutendsten Malern der Kunstgeschichte zählen. Die Sammlung des Museums umfasst Werke von Paul Cézanne, Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Max Ernst, Marc Chagall, Edgar Degas, Roy Lichtenstein und Jackson Pollock

Abendländische Avantgarde-Kultur im Dialog mit überseeischer Stammeskunst

Die durch jährlich drei Sonderausstellungen ergänzte Dauerausstellung des Museums umfasst im Kern etwa 200 Gemälde und Plastiken von Künstlern, deren Werke zunächst im arrivierten Kunstbetrieb zumeist vor allem auf Unverständnis gestoßen waren. Dazu zählen auch die etwa dreißig ausgesuchten Plastiken wie „Del Horizonte“ (1956) von Eduardo Chillida oder der bronzene Schalenbaum „Coupes superposées“ (1960/1982) von Jean Arp. Einen nur auf dem ersten Blick schwer überbrückbar scheinenden Kontrast zu diesen ausgesuchten Beispielen abendländischer Avantgarde des 20. und 21. Jahrhunderts bilden die fünfundzwanzig Plastiken aus den Bereichen ozeanischer und afrikanischer Stammeskunst.

Zeitlich schlägt das Museum Fondation Beyeler den Bogen von Paul Cézanne (1839-1906) mit dem 1890 vollendeten Gemälde „Madame Cézanne au fauteuil jaune“, („Madame Cézanne im gelben Lehnstuhl“) bis zum Alterswerk „Lake II“ (2002) des 1923 geborenen US-Malers Elsworthy Kelly.

Zahlreiche Museums-Besucher kommen allein schon wegen der einen erheblichen Teil der Dauerausstellung darstellenden Fülle von Picasso-Werken nach Riehen. Zu den etwa dreißig hier ausgestellten Schöpfungen des Spaniers Pablo Picasso (1881–1973) gehören unter anderem Weltberühmtheiten wie das mittelformatige Gemälde „Buste de femme au chapeau (Dora)“ („Frauenbüste mit Hut (Dora)“) aus dem Jahr 1939, das Öl-Großbild „Vase de fleurs sur une table“ („Vase mit Blumen auf einem Tisch“)( 1969), die 1953 geschaffene kleine Tuschezeichnung „Peintre et modèle“ („Maler und Modell“) oder die bemalte Eisenblech-Plastik „Petite femme aux bras écartés“ („Kleine Frau mit ausgebreiteten Armen“) (1961).

Mit zwanzig Werken ist auch der biographisch eng mit der Schweiz verbundene Deutsche Paul Klee (1879-1940) prominent vertreten. Sein in Riehen gezeigtes, mit dunkler Kleisterfarbe auf Karton gezaubertes „MUMON sinkt trunken in den Sessel“ (1940) ist eines der letzten Werke des 1933 als „entarteter Künstler“ von den Nazis aus Deutschland gedrängten Malers und Graphikers. Typisch für das sich regelmäßig nicht von Vorgaben des Rationalen beschränkten Schaffen Klees ist auch sein „Besessenes Mädchen“ (Ölpause, Aquarell) (1924). Die Darstellung eines offenbar in einer anderen Welt lebenden Mädchens mit Katzenaugen wirkt auf den Betrachter verstörend und faszinierend zugleich. Fernand Léger (1881-1955), postum einer der Stars der ersten drei „documenta“-Ausstellungen, hat nicht zuletzt mit leuchtende Farbigkeit und pralle Körperlichkeit der dargestellten Personen betonenden Ölbildern wie die „Composition I /Décoration pour une salle à manger“ („Komposition I /Dekoration für ein Esszimmer“) (1930) und „Les perroquets /Les acrobates“ („Die Papageien /Die Akrobaten“) (1933) wichtige Impulse für die Endphase der Klassischen Moderne gegeben.

Die zehn im Beyeler Museum ausgestellten Henri-Matisse-Werke geben einen Eindruck von der Entwicklung des 1868 geborenen und 1954 gestorbenen französischen Künstlers in dessen zweiten Lebenshälfte. Bei der Bronze-Büste „Jeanette IV“ (1911) wie beim Ölgemälde „Jardin à Issy“ („Der Garten in Issy“) aus der Zeit um 1917 dominieren abstrakte, im Verbindung zum Kubismus stehende Elemente. Mit der durch die gewählte Wischtechnik malerisch angelegte Kohle-Zeichnung „Jeune femme assise en robe de résille“ („Sitzende junge Frau im Netzkleid“), setzte der Künstler dem Modell Lydia Delectorskaya Lebensweggefährtin von Matisses letzten Jahren, 1939 ein künstlerisches Denkmal. In den 40er und 50er Jahren entstehen zahlreiche mit Gouache bearbeitete Matisse-Scherenschnitte wie das in Riehen gezeigte gelb-blaue „Nu bleu, la grenouille“, („Blauer Frauenakt, der Frosch“) (1952).

Der als einer der prägnantesten Vertreter des Impressionismus geltende Claude Monet (1840-1928) lädt unter anderem mit seinem 1919 vollendeten Gemälde Nymphéas (Seerosen) ein, in ein vom Kunsthistoriker und Impressionismus-Fachmann Jean Selz 1972 als „feenhaft“ bezeichnetes Farbenspiel zu versinken. Die Seerosen im von Monet angelegten Wassergarten im Dorf Giverny (Normandie) waren seit etwa 1895 zu einem der bevorzugten Motive Monets geworden. Die mit der Zeit umfangreiche Seerosen-Serie wurde so populär, dass der mit Monet befreundete Politiker Georges Clemenceau den Maler überredete, dem französischen Staat acht, von vielen Zeitgenossen als Ausdruck von Frankreichs herausragender Stellung als Kulturnation bewertete Seerosen-Bilder zu schenken. Auf dem 200 x 180 cm großen Ölgemälde Nymphéas zeigt Monet Seerosen-Blüten und –blätter, die auf der Wasseroberfläche eines Teiches schwimmen. Die Umgrenzungen des Teichs des sind ebenso wie die Umgebung nicht zu erkennen. In diesem Ausschnitt ungeteilter Wasserfläche spiegeln sich der blaue Himmel und Andeutungen von Bäumen. Wie auch bei den anderen Seerosen-Bildern von Monet wirkt die Farbenkomposition unabhängig von der dargestellten Realität auf den Betrachter wie reine Poesie.

Ein anderes Meisterwerk mit einem pflanzenbezogenen Motiv im Beyeler Museum ist „Champ de blé aux bleuets“ („Weizenfeld mit Kornblumen“). Das 60 x 81 cm große, mit pastosen, fastz verzweifelten Farbstrich gemalte Ölbild hat der 1853 geborene, niederländische Post-Impressionist Vincent van Gogh 1890, im Jahr seines Todes, geschaffen.

Das vielleicht auffälligste Exponat in der Plastiken-Sammlung im Museum Fondation Beyeler ist „L’homme qui marche II“ („Der schreitende Mann II“) von Alberto Giacometti (1901-1966). Die mit 1,89 m Höhe lebensgroße, im Jahr 1960 geschaffene und 1961 gegossene Bronze-Plastik ist eine wenige Zentimeter höhere Variante der ebenfalls 1960 geschaffenen „L’homme qui marche I“-Plastik. Die auf flachen Sockeln „Schreitenden Männer“ wirken nicht zuletzt durch ihre unrealistischen Proportionen und durch die von der rauen Oberflächengestaltung erzeugte Ausgezehrtheit befremdlich. „L’homme qui marche II“ ist überdünn, hat einen kleinen Kopf und besitzt übergroße Füße und Hände. Lediglich angedeutete Menschlichkeiten wie Gesichtszüge oder Geschlechtsteile verstärken nach Meinung vieler Betrachter den Eindruck der Konzentration auf Dynamik und Zielorientiertheit des weit ausschreitenden Mannes. Wahrscheinlich deshalb, ist der „Schreitende Mann“, der übrigens als Motiv auf Schweizer 100-Franken-Banknoten zu sehen ist, häufig in Chefetagen großer Unternehmen als Original-Abguss oder Kopie zu finden. Nach anderen Interpretationsansätzen verkörpert die Plastik des gebürtigen Graubündners Giacometti die letztlich vom Scheitern bedrohte Suche des Menschen nach Sinn.

Nicht wenige der Schöpfer von Meisterwerken der westlichen Moderne haben sich wie Matisse und Picasso von der Stammeskunst außereuropäischer Völker beeinflussen lassen. Unter anderem deswegen ergibt sich eine nachvollziehbare Verbindung zwischen den im Riehener Museum gezeigten europäischen und amerikanischen Bildern und Plastiken mit Beispielen ozeanischer und afrikanischer, sich auf den Bereich des Kultischen konzentrierender Kunst. Dazu gehören melanesische Regenzauber-Puppenköpfe und Ahnen darstellende Schnitzfiguren aus der Kongo-Region.

Ernst und Hildy Beyeler

Hinter dem Erfolg des wegen der Vielfältigkeit und Qualität seiner exquisiten Sammlung und deren gelungenen Verbindung mit dem Museumsbau weltweit geschätzten Fondation Beyeler steht das Wirken von Ernst Beyeler (1921-2010) und seiner Frau Hildy geb. Kunz (1922-2008). Das Baseler, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Galeristen-Ehepaar war über viele Jahrzehnte eine der entscheidenden Größen im Schweizer Kulturbetrieb. Ernst Beyeler gehörte 1970 zu den Initiatoren und bis 1992 zu den Mitorganisatoren der Art Basel, einer der mittlerweile global größten Kunstmessen. Er und seine Frau hatten in den 50er Jahren mit der Galerie Beyeler in der Baseler Bäumleingasse eine zunehmend international renommierte Anlaufstelle für Künstler und Kunsthändler geschaffen. Zu den wichtigsten Kontakten, die Ernst Beyeler pflegte, gehörte seine Freundschaft zu Pablo Picasso. Im Laufe der Zeit bauten Hildy und Ernst Beyeler durch den Erwerb zahlreicher Gemälde und Plastiken der Klassischen Moderne ihre beachtliche Sammlung auf. 1984 gründete das kinderlos gebliebene Ehepaar die Stiftung Fondation Beyeler mit dem Ziel, die eigene Sammlung auf Dauer der Öffentlichkeit zu präsentieren. 1989 begannen die Beyelers, die Sammlung im Rahmen von vielbeachteten Sonderausstellungen zuu zeigen.

Architektonische Meisterleistung

Die bis 2003 von Ernst Beyeler als Direktor persönlich geleitete Stiftung kann ihre Bestände seit 1997 in einem eigenen Museumsbau in Riehen präsentieren. 1994 hatte der italienische Star-Architekt Renzo Piano (geb. 1937), der zu den für den Bau des Pariser Centre Pompidou verantwortlich zeichnenden Architekten gehört, den Auftrag bekommen, in Riehen das Beyeler Museum zu bauen. Der auf dem parkähnlichen Grundstück der Villa Berower Gut errichtete und 1997 seiner Bestimmung übergebene dreiflügelige Bau ist für seine perfekte Einbindung der natürlichen Lichtverhältnisse und deren optischen Wirkungen für die Präsentation der Exponate berühmt geworden. Das ebenerdige, zur vielfrequentierten Baselstraße hin abgeschirmten und zum weitläufigen Garten und zum Tal des hier fließenden Flüsschens Wiese hin sich öffnende, lichte Gebäude besticht durch seine edle Einfachheit. Die 3800 qm Ausstellungsfläche werden etwa zu zwei Dritteln von der Dauerausstellung besetzt und zum verbleibenden Drittel für die Sonderausstellungen genutzt. Restaurant Berower Park, Museumshop und Museumsverwaltung befinden sich separat in der alten Villa des ehemaligen Gutsgeländes.

Kontaktdaten, Anfahrt und Eintrittspreise

Das täglich von 10.00 bis 18.00 h (mittwochs 10.00 bis 20.00 h) geöffnete Museum ist unter der Postadresse Baselstrasse 101, CH-4125 Riehen, der Mail-Anschrift info@fondationbeyeler.ch und unter der Telefonnummer +41 – 61 – 645 9700 erreichbar.

Die Anfahrt per PKW ist natürlich möglich, aber schöner ist die Fahrt mit der Tram: Mit der Nr. 2 vom Baseler Hauptbahnhof bis zur Haltestelle Badischer Bahnhof. Von da mit der Nr. 6 bis direkt zur Haltestelle Fondation Beyeler. Alternativ empfiehlt sich eine Bahnfahrt mit der SBB vom Baseler Hauptbahnhof zum fußläufig fünf Minuten vom Museum entfernten Bahnhof Riehen.

Während den Umbauarbeiten zwischen den einzelnen Ausstellungen wird zu einem reduzierter Preis Einlass gewährt. Da die Sonderausstellungen ein wichtiger Teil des Museums Fondation Beyeler sind, wird empfohlen das Museum, bei Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt zu besuchen.

Der reguläre Eintrittspreis liegt für Erwachsene bei 25,- CHF, Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren müssen 6,- CHF bezahlen, Studierende unter 30 Jahren 12,- CHF. Jüngere Kinder sowie Begleitpersonen von Menschen, die das Museum wegen ihrer körperlichen oder geistigen Handicaps nicht allein besuchen können, haben kostenlosen Eintritt.

Informationen über das Museum Fondation Beyeler

Öffnungszeiten:
Täglich geöffnet: 10:00-18:00 Uhr
Mittwoch: Bis 20:00 Uhr geöffnet

Eintrittspreis Sonderausstellung & Sammlung
Erwachsene: CHF 25.00
IV-Bezüger: CHF 20.00
Studierende & Lernende: CHF 12.00
Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre: CHF 6.00

Adresse: 
Fondation Beyeler
Baslerstrasse 101
4125 Riehen
Telefon: +41 (0)61 645 97 00
E-Mail: info@fondationbeyeler.ch
Webseite: www.fondationbeyeler.ch

Titelbild: Zeigt das Museum Fondation Beyeler eingebettet in die Landschaft von Riehen bei Basel. /// Foto: Fondation Beyeler, Mark Niedermann

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